Fußball wird meist durch Aktionen mit dem Ball in Erinnerung behalten: einen Pass, der eine Linie überspielt, ein Dribbling an einem Verteidiger vorbei, eine Parade oder einen Torabschluss. Doch ein Großteil eines Spiels wird von Spielern geprägt, die den Ball gerade nicht berühren. Ihre Positionierung entscheidet darüber, ob ein Passweg entsteht, ob ein Verteidiger seine Zone verlassen muss, ob sich Raum für einen Konter öffnet und ob ein Pressing den nächsten Passempfänger wirksam unter Druck setzen kann. Eine Scoping-Review aus dem Jahr 2026 von Francesco Esposito, Maurizio Bertollo, Dario Pompa, Maria Angonese und Marco Beato führte Forschungsergebnisse zusammen, in denen versucht wurde, diesen oft weniger sichtbaren Teil des Spitzenfußballs messbar zu machen. Die am 4. August 2026 in Science and Medicine in Football veröffentlichte Arbeit sichtete 4.283 Datensätze und berücksichtigte schließlich 32 begutachtete Studien. Zusammen hatten diese Untersuchungen 7.705 Spiele mithilfe von Positions-Tracking und Ereignisdaten analysiert. Das Ergebnis ist keine einzelne Formel für erfolgreichen Fußball. Es liefert vielmehr ein deutlich klareres Bild davon, warum moderne Taktik stärker von Raum, Timing, kollektiven Bewegungen und Kontext abhängt als allein von Ballbesitzwerten, Laufdistanzen oder Formationen.
Die Zahl von 7.705 Spielen muss korrekt eingeordnet werden. Esposito und seine Kollegen erhielten nicht einen einzigen einheitlichen Datensatz mit genau dieser Zahl an Partien, auf den anschließend dieselbe Analyse angewendet wurde. Ihre Review fasste 32 voneinander unabhängige Studien zusammen, deren Stichproben von einzelnen Spielen bis zu Untersuchungen mit mehr als 4.000 Partien reichten. Auch Wettbewerbe, Definitionen und Analysemethoden unterschieden sich. Dadurch eignet sich die Gesamtzahl gut dazu, den Forschungsstand abzubilden, sie macht jedoch nicht jedes einzelne Ergebnis zu einer universell gültigen Regel. Die Review betont ausdrücklich diese methodische Vielfalt. Ihre wichtigste Aussage ist deshalb grundsätzlicher: Verhalten ohne Ball ist von einem Aspekt, den Trainer früher vor allem anhand von Videoaufnahmen und Erfahrung beschrieben, zu einem Bereich geworden, der sich wiederholt anhand von Positionsdaten untersuchen lässt. Das ist relevant, weil entscheidende taktische Strukturen häufig bereits mehrere Sekunden vor einer auffälligen Aktion am Ball entstehen. Ein Flügelspieler kann einen Außenverteidiger binden, ohne einen Pass zu erhalten, ein Mittelfeldspieler kann während des eigenen Angriffs einen möglichen Konterweg blockieren, oder ein Stürmer kann einen Innenverteidiger herausziehen und dadurch Raum für einen Mitspieler schaffen.
Tracking-Systeme machen solche Aktionen sichtbar, indem sie die Positionen der Spieler und des Balls viele Male pro Sekunde erfassen. In den 2026 überprüften Studien war eine Frequenz von 25 Hz am häufigsten vertreten. Das bedeutet, dass ein System Positionsinformationen 25-mal pro Sekunde registrieren kann. Der praktische Wert liegt jedoch nicht in dieser Zahl selbst, sondern in der daraus entstehenden Abfolge. Statt lediglich zu sehen, dass ein Pass angekommen ist, können Analysten untersuchen, wo sich Passgeber, Empfänger, nahe Verteidiger und unterstützende Mitspieler vor, während und nach der Aktion befanden. Ereignisdaten bleiben wichtig, weil sie Situationen wie Pässe, Schüsse, Ballgewinne und Ballbesitzwechsel kennzeichnen. Werden Ereignis- und Tracking-Daten miteinander verknüpft, lässt sich eine wesentlich interessantere taktische Frage stellen: Welche Bewegung hat überhaupt die Voraussetzungen für dieses Ereignis geschaffen? Genau dieser Perspektivwechsel ist für die heutige Fußballanalyse zentral, weil viele Spieler eine Aktion beeinflussen, ohne in der klassischen Statistik direkt aufzutauchen.
Die Review zeigt außerdem, warum sich die Analyse ohne Ball nicht auf eine einzige Kennzahl reduzieren lässt. Die Forschung betrachtet Verhalten auf drei groben Ebenen: beim einzelnen Spieler, bei kleineren Spielergruppen und bei der gesamten Mannschaft. Auf individueller Ebene kann es etwa darum gehen, ob ein Angreifer Abstand zu seinem Gegenspieler schafft. Auf Gruppenebene lässt sich untersuchen, wie eine Abwehrkette mit den Mittelfeldspielern davor zusammenarbeitet. Auf Mannschaftsebene können Breite, Tiefe, Kompaktheit oder die Frage gemessen werden, welche Bereiche des Spielfelds von welchem Team schneller erreicht werden können. Diese Ebenen beantworten unterschiedliche Fragen und keine von ihnen sollte automatisch die anderen ersetzen. Eine Mannschaft kann insgesamt kompakt wirken und trotzdem einen entscheidenden Passweg offenlassen. Ein Spieler kann eine große Strecke mit hoher Geschwindigkeit zurücklegen, ohne den Angriff dadurch zu verbessern. Eine Defensive kann zahlenmäßig überlegen sein und dennoch schlecht positioniert stehen. Die Tracking-Forschung weist immer stärker auf dasselbe praktische Prinzip hin: Bewegung erhält erst dann taktische Bedeutung, wenn berücksichtigt wird, wo sie stattfindet, wann sie stattfindet, was der Ball macht und welche Möglichkeiten der Gegner anschließend hat.
Ein anschauliches Beispiel ist der defensive Druck. Klassische Spieldaten können erfassen, dass ein Spieler einen Pass erhalten und den Ball anschließend behauptet oder verloren hat. Sie zeigen jedoch nur eingeschränkt, wie schwierig diese Ballannahme tatsächlich war. Eine Studie aus dem Jahr 2022 unter Leitung von Mat Herold untersuchte 22 Spiele der deutschen Nationalmannschaft, darunter 25.418 Pässe und 1.411 hochintensive Aktionen ohne Ball. Die Forscher modellierten den Druck auf Passempfänger und analysierten damit, wie sich angreifende Spieler von Verteidigern lösen konnten. Sie fanden einen klaren Zusammenhang zwischen stärkerem Druck und geringeren Passquoten. Für einen Trainer ist die Grundidee auch ohne komplizierte Berechnung leicht verständlich: Derselbe Pass kann eine völlig andere Qualität besitzen, je nachdem, ob der Empfänger Zeit hat, sich aufzudrehen, aus mehreren Richtungen angelaufen wird oder sich durch eine gut getimte Bewegung einen zusätzlichen Meter verschafft hat. Tracking-Daten ermöglichen es, genau diesen Kontext mit einer Aktion zu verbinden, statt jede Ballannahme taktisch gleich zu behandeln.
Auch Raum lässt sich als Beziehung zwischen Spielern verstehen und nicht nur als unbesetzte Fläche auf dem Spielfeld. Analysten können abschätzen, welcher Spieler einen bestimmten Bereich wahrscheinlich zuerst erreicht, wie weit Mitspieler voneinander entfernt stehen oder wie sich die Mannschaftsstruktur verändert, wenn der Ball verlagert wird. Solche Messgrößen helfen dabei, bekannte Trainerbegriffe wie das Auseinanderziehen einer Defensive, das Schließen des Zentrums, die Absicherung hinter einem Angriff oder das gemeinsame Verschieben einer Mannschaft präziser zu beschreiben. Neu ist vor allem die Möglichkeit, solche Ideen über Hunderte oder Tausende von Sequenzen hinweg zu prüfen, anstatt sich nur auf einige besonders auffällige Videoszenen zu stützen. Die Review von 2026 zeigt, dass Forschende zahlreiche unterschiedliche Kennzahlen verwenden. Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass die Definitionen nicht einheitlich sind. Zwei Studien können beide von „Raum“ oder „Druck“ sprechen und dennoch etwas Unterschiedliches berechnen. Für Leser ist das eine wichtige Einschränkung: Eine technisch aufwendige Grafik oder eine besonders präzise Dezimalzahl bedeutet nicht automatisch, dass das zugrunde liegende taktische Konzept eindeutig geklärt ist.
Der größte Nutzen von Tracking-Daten besteht deshalb nicht darin, taktische Sprache zu ersetzen, sondern sie präziser zu machen. In einer weiteren Arbeit aus dem Jahr 2026 schlugen Esposito und Kollegen ein Modell vor, das Verhalten ohne Ball nach Ballbesitzkontext und Zweck, nach der betrachteten Einheit – Einzelspieler, Gruppe oder Mannschaft –, nach der jeweiligen Leistungsdimension sowie nach Bewegungsformen wie Positionierung, taktischem Verschieben oder hochintensivem Laufen einordnet. Der praktische Nutzen eines solchen Rahmens ist deutlich. Zu sagen, ein Spieler habe „ohne Ball hart gearbeitet“, bleibt ungenau. Wesentlich konkreter ist die Aussage, dass ein Flügelspieler wiederholt Läufe hinter die letzte Linie startete oder dass zwei Mittelfeldspieler während der eigenen Angriffe zentrale Räume absicherten. Die neuere Forschung unterstützt damit eine diszipliniertere Sprache über Taktik: Zuerst muss das Verhalten klar definiert werden, anschließend wird es im passenden Spielkontext gemessen, und erst danach sollte bewertet werden, ob es der Mannschaft tatsächlich geholfen hat.
Ein besonders deutlicher Forschungsschwerpunkt zeigt, dass die Qualität eines Angriffs stark davon abhängt, wie Spieler den Raum rund um den Ball organisieren, und nicht einfach davon, wie viele von ihnen sich in offensiven Zonen befinden. Eine Studie von Dominik Raabe und Kollegen aus dem Jahr 2024 analysierte 128.187 Angriffssequenzen aus 306 Spielen im professionellen Männerfußball. Die Forscher untersuchten, wie Mitspieler Passstrukturen bildeten und wie ihre Positionierung Verteidiger beeinflusste. Erfolgreiche Angriffe gingen häufiger mit größeren Dreiecken zwischen Mitspielern einher, insbesondere in Ballnähe, und nicht unbedingt mit einer höheren Gesamtzahl solcher Dreiecke. Außerdem zeigte sich, dass in erfolgreichen Angriffen häufiger Spieler Positionen einnahmen, durch die Verteidiger gebunden wurden und andere Mitspieler frei blieben. In normaler Fußballsprache bedeutet das: Struktur ist wichtiger als bloße Präsenz in einem Raum. Drei Spieler können im selben Bereich stehen und trotzdem wenig anbieten, wenn ihre Winkel schlecht sind. Dieselben drei Spieler können mit geeigneten Abständen und auf unterschiedlichen Linien einen Verteidiger dazu zwingen, zwischen mehreren Aufgaben zu wählen: Druck auf den Ball ausüben, einen Lauf aufnehmen oder einen Passweg schließen.
Läufe hinter die letzte Abwehrlinie erzählen eine ähnliche Geschichte über den Wert des Kontexts. Thomas Thönnessen und Kollegen analysierten mehr als 4.600 Tiefenläufe aus 54 Bundesliga-Spielen der Saison 2018/19. Zunächst zeigte sich ein Zusammenhang zwischen der Gesamtzahl solcher Läufe und Erfolg, Leistung sowie Toren. Dieser Zusammenhang verschwand jedoch, nachdem die Forscher den Ballbesitz berücksichtigt hatten. Mannschaften mit mehr Ballbesitz haben zwangsläufig auch mehr Möglichkeiten, offensive Läufe zu starten. Aussagekräftiger waren Läufe, die in einen klareren taktischen Zusammenhang eingebettet waren, insbesondere Bewegungen in kritische Räume und Läufe, die mit einem Vorwärtspass verbunden waren. Diese blieben auch nach Berücksichtigung des Ballbesitzes mit Leistung, Teamstärke und Toren verknüpft. Das ist eine wichtige Warnung vor einfachen Zählwerten. Einen Stürmer aufzufordern, häufiger zu laufen, ist nicht dasselbe wie seine Bewegung zu verbessern. Entscheidend sind vielmehr Fragen wie: Wo beginnt der Lauf? Welcher Raum wird attackiert? Was kann der Passgeber sehen? Wie steht die gegnerische Abwehrlinie? Und verändert die Bewegung tatsächlich die nächste Aktion?
Eine große Untersuchung der Major League Soccer aus dem Jahr 2024 ergänzt dieses Bild. Sam Gregory und Kollegen nutzten vollständige Ereignis- und Tracking-Daten aller 475 Spiele der MLS-Hauptrunde 2022 und identifizierten 628.186 Läufe mit hoher Geschwindigkeit, im Durchschnitt also mehr als 1.300 pro Partie. Anschließend schätzten sie, wie sich während dieser Läufe die Wahrscheinlichkeit eines Torerfolgs der ballbesitzenden Mannschaft veränderte. Läufe mit höherem Wert waren mit größerer Geschwindigkeit und Beschleunigung sowie mit direkteren und weniger stark gekrümmten Laufwegen verbunden. Die Studie zeigte außerdem, dass gefährlichere Situationen häufiger entstanden, wenn mehrere Mitspieler gleichzeitig hochintensive Läufe starteten. Damit ist nicht bewiesen, dass diese gleichzeitigen Bewegungen den Anstieg der Torwahrscheinlichkeit verursacht haben. Die Autoren verweisen ausdrücklich auf das Problem, den Wert einer gesamten Mannschaftssituation einem einzelnen Läufer zuzuschreiben. Trotzdem ist das Muster taktisch relevant. Ein Angriff wird häufig gefährlicher, wenn mehrere Bewegungen zeitlich aufeinander abgestimmt stattfinden: Ein Spieler kann die Abwehrlinie in die Tiefe ziehen, ein anderer den Strafraum attackieren und ein dritter als zusätzliche Anspielstation nachrücken.
Am schwierigsten zu erfassen ist häufig genau die Bewegung, die nicht mit einem Pass belohnt wird. Man kann sich einen Stürmer vorstellen, der zwischen Innen- und Außenverteidiger startet, in den Kanal beschleunigt und dadurch den Innenverteidiger mehrere Meter aus dem Zentrum zieht. Der Ball kann anschließend zu einem Mittelfeldspieler gespielt werden, der in den gerade entstandenen Raum nachstößt. Klassische Ereignisdaten schreiben den Pass dem Passgeber und dem Empfänger zu, während der Stürmer möglicherweise nichts anderes als zusätzliche Laufdistanz verzeichnet. Der taktische Wert der Situation kann jedoch gerade von diesem ersten Lauf abhängen. Tracking-Daten ermöglichen es, das vollständige Bild zu rekonstruieren: die Bewegung des Verteidigers, den neu entstandenen Raum, das Timing des nachrückenden Spielers und die anschließende Veränderung der offensiven Möglichkeiten. Das bedeutet nicht, dass jeder Lauf als Ablenkungsmanöver eine eigene Punktzahl benötigt. Es bedeutet vielmehr, dass Analysten Muster erkennen und vergleichen können, die bei einer Betrachtung ausschließlich von Ballkontakten, Pässen und Schüssen leicht übersehen würden.
Diese Unterscheidung verändert auch die Bewertung von Offensivspielern. Ein Flügelspieler, der den Ball häufig erhält, kann auf den ersten Blick stärker ins Spiel eingebunden wirken als ein Flügelspieler, der große Teile der Partie damit verbringt, die gegnerische Abwehr auseinanderzuziehen, einen Verteidiger zu binden und damit einen inneren Laufweg für einen Mittelfeldspieler zu öffnen. Ein Stürmer kann nur wenige Ballkontakte haben und trotzdem erheblichen Einfluss auf die Defensive ausüben, indem er ständig den Raum hinter der Abwehr bedroht. Ein Außenverteidiger kann einen Überlappungslauf vor allem deshalb starten, um einen Gegenspieler aus seiner Position zu ziehen und nicht zwingend, um selbst angespielt zu werden. Die bis 2026 vorliegende Forschung spricht dafür, solche Aktionen im Rahmen der taktischen Absicht einer Mannschaft zu bewerten. Die zentrale Frage lautet dann nicht: „Hat der Spieler den Ball bekommen?“, sondern: „Was hat sich durch seine Bewegung verändert?“ Die Antwort kann ein neuer Passweg, ein Verteidiger, der sich umdrehen muss, ein zusätzlicher Meter für den Ballführer oder eine kurzfristige Überzahlsituation an anderer Stelle sein. Solche Effekte lassen sich besonders gut erkennen, wenn Videoaufnahmen und Tracking-Daten gemeinsam ausgewertet werden.
Für Scouting und Spielerentwicklung ist dieser Ansatz besonders wertvoll, weil er sichtbare Beteiligung von funktionalem Einfluss trennt. Ein Verein kann bei der Beurteilung eines Offensivspielers über Tore, Vorlagen und Sprintwerte hinausgehen und analysieren, welche Arten von Läufen dieser Spieler ohne Ball macht, zu welchen Zeitpunkten sie erfolgen und wie Mitspieler sowie Gegner darauf reagieren. Trainer können dieselben Erkenntnisse anschließend in die Trainingsgestaltung übertragen. Wenn eine Mannschaft zu wenig Tiefe erzeugt, liegt das Problem möglicherweise nicht an fehlender Geschwindigkeit, sondern an schlechtem Timing zwischen Ballführer und Läufer. Wenn Angriffe über die Außenbahn regelmäßig in isolierten Flanken enden, kann die Ursache darin liegen, dass zu wenige Spieler ihre Bewegungen in unterschiedliche Abschlussräume koordinieren. Tracking-Daten können einem Trainer nicht vorschreiben, welche taktische Idee er bevorzugen sollte. Sie können aber zeigen, ob die beabsichtigten Bewegungen tatsächlich stattgefunden haben und ob sie wiederholt nutzbaren Raum geschaffen haben. Genau darin liegt ihr größter Wert: Sie machen Fußballfragen präziser, statt sie durch eine einzelne Bewertung ersetzen zu wollen.

Die Scoping-Review von 2026 zeigt, dass defensive Phasen häufiger untersucht wurden als offensive. Dieses Ungleichgewicht ist nachvollziehbar, weil Verteidigen grundsätzlich auf Beziehungen basiert: Abstand zum Ball, Absicherung hinter dem Pressing, Zugriff auf mögliche Passempfänger, Höhe der letzten Linie und die Räume, die geschützt bleiben, wenn sich der Ballbesitz ändert. Tracking-Daten eignen sich besonders gut für solche Fragen, da sie auch Verteidiger erfassen, die sich weit vom unmittelbaren Geschehen entfernt befinden. Die bereits erwähnte Untersuchung von Spielen der deutschen Nationalmannschaft liefert dafür ein gutes Beispiel. Durch die Messung des Drucks rund um Passempfänger konnten die Forscher untersuchen, ob die Bewegung eines Angreifers den Abstand zu einem Verteidiger vergrößerte oder verringerte. Dadurch wird Verteidigen nicht mehr nur als Summe von Tacklings und abgefangenen Pässen verstanden, sondern als Versuch, die nächste gegnerische Aktion zu kontrollieren. Ein Verteidiger, der durch seine Position einen Pass verhindert, berührt möglicherweise nie den Ball. Ein Mittelfeldspieler, der einen Empfänger nur eine Sekunde lang aufhält, kann seiner Abwehr dennoch genügend Zeit verschaffen, um ihre Struktur wiederherzustellen.
Besonders deutlich wird diese oft unsichtbare Arbeit im defensiven Umschalten. Eine Studie von Leander Forcher und Kollegen aus dem Jahr 2023 kombinierte Interviews mit sieben professionellen Trainern mit Tracking- und Ereignisdaten aus 153 Bundesliga-Spielen der Saison 2020/21, um die sogenannte Restverteidigung zu analysieren. Damit ist die Positionierung jener Spieler gemeint, die während des eigenen Angriffs tiefer bleiben, um einen gegnerischen Konter nach einem Ballverlust einzudämmen. Die Forscher identifizierten 2.951 relevante Situationen. Davon wurden 2.425 als erfolgreich eingestuft, weil die Mannschaft innerhalb des festgelegten Umschaltfensters den Ball zurückgewann. 75 Situationen galten als erfolglos, weil der Gegner einen Torschuss erzeugte; andere Ausgänge wurden im Modell zum Vergleich von Erfolg und Misserfolg nicht berücksichtigt. Zum Zeitpunkt des Ballverlusts standen im relevanten Bereich der Restverteidigung im Durchschnitt etwa 3,7 Verteidiger 2,0 Angreifern gegenüber. Die Untersuchung liefert damit konkrete Zahlen für ein Trainerprinzip, das sich auf Video leicht erkennen lässt: Ein Angriff ist besser abgesichert, wenn einige Spieler bereits so positioniert sind, dass sie die nächste Phase verteidigen können.
Die nützlichsten Ergebnisse lassen sich jedoch nicht auf die einfache Empfehlung reduzieren, möglichst viele Spieler hinter dem Ball zu halten. Eine schnellere Rückeroberung nach Ballverlust war im Modell der Studie der stärkste Faktor, der mit erfolgreicher Restverteidigung zusammenhing. Auch eine größere defensive Überzahl half, ebenso wie die Begrenzung des kontrollierbaren Raums gefährlicher Konterspieler und eine relativ kompakte Positionierung der absichernden Spieler. Die Forscher stellten zudem fest, dass eine etwas tiefere Restverteidigung den Erfolg verbessern konnte, weil dadurch weniger Raum hinter den Verteidigern blieb. Gleichzeitig verwiesen sie auf den Zielkonflikt mit einem aggressiven Gegenpressing weiter vorne. Genau dieser Zielkonflikt zeigt, warum der Kontext entscheidend ist. Eine hohe Abwehrlinie kann das Spielfeld verkleinern und Ballgewinne nahe am gegnerischen Tor erleichtern. Wird jedoch die erste Pressinglinie überspielt, entsteht hinter ihr zusätzlicher Raum. Tracking-Daten lösen diese taktische Entscheidung nicht auf. Sie ermöglichen es dem Trainerstab aber, das gewählte Risiko zu messen, verschiedene Ergebnisse zu vergleichen und genauer zu erkennen, welches Risikoprofil die eigene Mannschaft tatsächlich erzeugt.
Für Trainer entsteht der größte praktische Nutzen dann, wenn Tracking-Analysen wieder auf konkrete Spielsituationen zurückgeführt werden. Statt einem Spieler mitzuteilen, dass der Kompaktheitswert der Mannschaft schlecht gewesen sei, kann ein Analyst fünf Ballbesitzphasen zeigen, in denen der Abstand zwischen Mittelfeld und Abwehr größer wurde, während das Pressing nach vorne schob. Statt einem Stürmer lediglich seine Sprintzahl zu präsentieren, kann der Trainerstab zwischen Läufen unterscheiden, die einen kritischen Raum attackierten, und Läufen, die stattfanden, obwohl der Passgeber keine realistische Vorwärtsoption hatte. Statt einen Außenverteidiger nur anhand seiner Tacklings zu bewerten, lässt sich analysieren, ob seine Position den Kanal absicherte, während die Mannschaft auf der gegenüberliegenden Seite angriff. Das sind konkrete, trainierbare Details. Sie können zu Vorgaben in Spielformen, zu Schwerpunkten bei der Vorbereitung auf einen Gegner oder zu Prüfpunkten in der Nachbesprechung werden. Die Forschung von 2026 legt nicht nahe, dass Trainer einfach mehr Dashboards benötigen. Sie zeigt vielmehr, dass Bewegungsdaten dann wertvoll sind, wenn sie ein Fußballproblem so erklären, dass Spieler und Trainer unmittelbar damit arbeiten können.
Gleichzeitig gibt es klare Grenzen dafür, was sich aus den Erkenntnissen über 7.705 Spiele ableiten lässt. Die 32 Studien nutzten unterschiedliche Definitionen, Stichproben und Modelle, und die Review weist darauf hin, dass zahlreiche Analysen stark an ihren jeweiligen Kontext gebunden waren. Europäische Wettbewerbe waren häufig vertreten, während sich einzelne Arbeiten teilweise auf nur eine Liga, eine Saison oder eine Nationalmannschaft konzentrierten. Auch Kennzahlen wie Druck, Raumkontrolle, Kompaktheit oder der Wert eines Laufs können auf verschiedene Weise berechnet werden. Ein Modell kann einen Zusammenhang feststellen, ohne zu beweisen, warum dieser entstanden ist. Die Untersuchung der Hochgeschwindigkeitsläufe in der MLS zeigte beispielsweise, dass mehrere gleichzeitige Läufe mit höherem offensivem Wert verbunden waren. Die Autoren konnten jedoch nicht eindeutig feststellen, ob diese Läufe die gefährliche Situation erzeugten oder ob die Spieler beschleunigten, weil bereits eine gefährliche Situation entstand. Solche Unterschiede sind keine Schwächen, die verschwiegen werden sollten. Sie gehören zu einem verantwortungsvollen Umgang mit den Daten. Fußball ist ein interaktives Spiel, in dem dieselbe Bewegung gegen einen Gegner hilfreich und gegen einen anderen nachteilig sein kann.
Bis 2026 hat sich vor allem verändert, wie detailliert das Spiel ohne Ball beschrieben werden kann. Die belastbarste Forschung behauptet nicht, dass eine bestimmte Formation, eine bestimmte Pressinghöhe oder ein einzelner Laufwert grundsätzlich überlegen sei. Sie zeigt vielmehr, dass erfolgreiche Taktik auf Beziehungen beruht. Angreifer schaffen Wert, indem sie Verteidiger zu Bewegungen zwingen und ihre eigenen Läufe koordinieren. Verteidiger reduzieren Gefahr, indem sie Zugriff, Tiefe und Raum kontrollieren. Mannschaften bereiten Umschaltmomente bereits vor, bevor der Ballbesitz tatsächlich wechselt. Tracking-Daten machen diese Zusammenhänge besser messbar, doch ihre Interpretation hängt weiterhin von der konkreten Fußballfrage ab. Für Zuschauer eröffnet das eine umfassendere Art, ein Spiel zu beobachten: Die entscheidende Aktion kann ein Lauf sein, auf den nie ein Pass folgt, ein Verteidiger, der kein Tackling ausführt, oder ein Mittelfeldspieler, der sich lediglich drei Meter bewegt, um einen Passweg zu schließen. Für Trainer und Analysten lässt sich die zentrale Erkenntnis ebenso einfach formulieren: Der Ball zeigt das Ereignis, doch die Spieler um ihn herum erklären häufig, warum dieses Ereignis überhaupt möglich wurde.